12.7.2018

Krefelder Zoo-Zeitung

Krefelder Regenwaldhaus: Durch den Dschungel

Ein großer Erfolg, aber auch einige Rückschläge gehören zur wechselvollen Geschichte des Regenwaldhauses. Im August vor 20 Jahren wurde es eröffnet.

Ameisenbär
Ameisenbär
Mehr als zwei Millionen Euro, 1100 Quadratmeter Fläche, hunderte Stunden Eigenleistung fleißiger Helfer, ein ärgerlicher Fehler – so könnte die Historie des Regenwaldhauses in Zahlen beschrieben werden. 214 Säuger, Reptilien, Amphibien, Vögel und Insekten leben hier, 190 Fische und rund 300 Schmetterlinge. Einige Arten hält der Zoo schon seit langem, andere, insbesondere Ernährungsspezialisten wie die pollenfressenden Blumenfledermäuse und ein Volk Blattschneiderameisen, sind neu.

Anekdoten, Irrungen und Wirrungen
Munter springen die Sakis durch die dichte Vegetation und erwarten die Besucher schon am Eingang.
Munter springen die Sakis durch die dichte Vegetation und erwarten die Besucher schon am Eingang.
Die 20-jährige Geschichte des Hauses ist gefüllt mit Zehntausenden, von der Luftfeuchtigkeit der nachgeahmten Tropenatmosphäre beschlagene Brillen und unendlich viele Geschichten rund um ein Rekord-Faultier und eine Ausbrecherkönigin.

Schon von den Tagen, als der Bau des dritten Tropenhauses im Krefelder Zoo durch eine besondere Wendung finanzierbar wurde, gibt es einiges zu erzählen. Christa Lüfkens von den Zoofreunden Krefeld erinnert sich mit einem Schmunzeln an den entscheidenden Besuch bei der Stadtspitze. Der Krefelder Unternehmer und große Tier- und Zoofreund Walter Gehlen hatte den Verein mit mehreren Millionen seines Nachlasses bedacht. „Wir waren beim damaligen Vorsitzenden der CDU-Ratsfraktion und brachten ein Modell vom Regenwaldhaus mit, weil wir der Stadt als Eigentümerin des Zoos das geerbte Geld dafür schenken wollten“, erinnert sich die 84-jährige Zeitzeugin. Der Politiker habe sich freundlich bedankt und dann gebeten, der Verein solle der Stadt lieber ein fertiges Haus statt Modell und Geld schenken. Die Zoofreunde sollten die Bauherren sein. „Da hatten wir den Schwarzen Peter“, sagt Lüfkens, die sich an die harte Arbeit und die Irrungen und Wirrungen erinnert, die danach auf die Beteiligten zukamen. So meldete schon kurz nach der Grundsteinlegung der Bauunternehmer Insolvenz an.

Als weiteres Problem stellte sich der Schutz der hölzernen Grundkonstruktion gegen Feuchtigkeit heraus. Zum Einbau der schützenden Zinkabdeckung, wie sie Architekt Werner Busch, seit 1996 Mitglied der Zoofreunde, verbauen wollte, kam es nicht. Mit fatalen Folgen: Wegen der starken Temperaturunterschiede im Haus fingen die Stützen aus Holzleimbindern nach kurzer Zeit an zu faulen. „Erst später bei der Sanierung sind die Schutzabdeckungen dann eingebaut worden“, berichtet der 80-jährige Werner Busch.

Rekordverdächtiges Faultier und ein tragischer Unfall 

Möchte man die Grünen Leguane entdecken, braucht man viel Geduld und ein gutes Auge.
Möchte man die Grünen Leguane entdecken, braucht man viel Geduld und ein gutes Auge.
Doch alles wendete sich zum Guten. Heute schlängelt sich ein Dschungelpfad durch die Pflanzen, zu denen Palmen, Korallenbäume, Papayas, Kapokbaum, Wasserkastanie oder Streubüchsenbaum gehören. „Es gibt auch einen Koka-Baum, dessen Standort wird aber nicht verraten“, sagt Zoo-Pressesprecherin Petra Schwinn. Zum Tierparadies mit 40 verschiedenen Arten, die sich zum größten Teil frei bewegen, gehören Weißgesicht-Sakis, Blumenfledermäuse, Stirnlappenbasilisken, Leguane, Anakondas, verschiedene Schildkröten, Pfeilgiftfrösche und viele mehr. Die Anekdoten rund um das Regenwaldhaus könnten ein ganzes Buch füllen. Es könnte zum Beispiel von dem Trompetervogel Norma berichten, der frei im Haus lebte und die Besucher auf dem Geländer der Holzbrücke mit seinen typischen „Whu, whu, whu“-Rufen begrüßte. „Leider verstarb sie bei einem Unfall. Sie stürzte ins Becken der Kaimane“, berichtet Petra Schwinn. Die Kaimane selbst hatten da schon eine wahre Odyssee hinter sich: 1995 auf dem Flughafen Frankfurt beschlagnahmt, fanden sie in Krefeld ein neues Zuhause. Neun der elf Tiere bezogen anfangs das neue Regenwaldhaus. Allerdings mussten einige Tiere mit einsetzender Geschlechtsreife an andere Zoos abgegeben werden. 2005 meldete Krefeld zudem eine Welterstzucht bei den Glattstirnkaimanen; sechs Jungtiere waren geschlüpft. 

Faultier Lulu ist schon 44 Jahre alt. Zusammen mit Jan, Triene und dem Nachwuchs bewegt sie sich frei im ganzen Haus.
Faultier Lulu ist schon 44 Jahre alt. Zusammen mit Jan, Triene und dem Nachwuchs bewegt sie sich frei im ganzen Haus.
Apropos Jungtiere: Mitbewohnerin Triene brachte seit 2005 rekordverdächtige elf Nachkommen zur Welt. Die Faultierdame und ihre Artgenossen konnten sich schon wenige Wochen nach der Eröffnung frei im Haus umherbewegen. Dabei erwiesen sie sich ihres Namens nicht gerade würdig. Besonders Jan drehte nachts mit erstaunlicher Geschwindigkeit seine Runden. Von wegen Faultier!

Manche Tiere waren regelrechte Ausbrecherkönige. Tamandua Conchita schaffte es sogar, das Haus zu verlassen und auf das Dach zu gelangen. Nur mit Hilfe der Feuerwehr gelang es, die Kleine Ameisenbärin wieder einzufangen.

In den ersten Jahren lebten auch Schmetterlinge im Haus. Nachdem die Vegetation immer dichter wurde, fehlte den Faltern das Sonnenlicht und die Haltung wurde hier eingestellt. Stattdessen beeindrucken die tropischen, frei fliegenden Tieren die Besucher seit 2010 in ihrem eigenen Tropenhaus, dem benachbarten „SchmetterlingsDschungel“.

Dass das Regenwaldhaus so steht, ist nicht zuletzt der Verdienst der Zoofreunde, der Mitarbeiter und anderer Freiwilliger. Und selbstverständlich des Zoodirektors. „Es war sein großes Werk“, sagen die Zeitzeugen Christa Lüfkens und Werner Busch voller Anerkennung. Walter Encke war jeden Tag auf der Baustelle, auch noch nach seiner Pensionierung 1996. Ein Bild wird sie nie vergessen: „Wie er stundenlang in Badehose im Aquarium stand, um selbst die Wasserpflanzen einzusetzen.“

Zeittafel

1986-1988 - Erste Überlegungen für ein wasserreiches Reptilienhaus

1989/1991 - Tod des Krefelder Industriellen Walter Gehlen und zwei Jahre später seiner Witwe Paula Gehlen. Das Vermögen des kinderlosen Paares ging fast komplett an den Verein Zoofreunde Krefeld. Die Auflage war, ein zukunftsweisendes, modernes Tierhaus zu errichten. Zeitzeugin Christa Lüfkens sieht diese Zuwendung vor allem vor dem Hintergrund der „gewinnenden Art des damaligen Zoodirektors Walter Encke, die Walter Gehlen dazu brachte, dem Zoo das Geld zu hinterlassen“.

1992 - Angebot der Zoofreunde an die Stadt, das Gehlen-Erbe für das Errichten eines solchen Tierhauses zu verwenden. Der Nachlass lag nach Angaben der damaligen Schatzmeisterin Christa Lüfkens, „bei 3,9 Millionen Mark mit Zinsen, die damals sehr hoch waren“.

1993 - Vorstellung des Modells einer Tropen- und Wüstenhalle. Der Stadtrat beschließt einstimmig, das Spendenangebot für ein schlüsselfertiges Tierhaus vom Verein anzunehmen.

1995 - Grundsteinlegung unter anderem mit NRW-Ministerpräsident Johannes Rau. Im November geht der erste Bauunternehmer in Konkurs.

1996 - Richtfest im Juni

1998 - Am 15. August findet die offizielle Übergabe an die Stadt statt.
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